KulturStahnsdorf

Paul Felix Schlesinger: Das Gewissen von Moabit

Der Skandal um die ehemalige RBB-Intendantin Patricia Schlesinger ist noch gut im Gedächtnis. Ein entferner Verwandter dagegen galt Zeit seines Lebens als ehrlich und uneigennützig: Paul Schlesinger war einer der profiliertesten, besten und erfolgreichsten Gerichtsreporter. Kein anderer berichtete so psychologisch differenziert, facettenreich und zugleich spannend über Mord und Totschlag während der Weimarer Republik.

Noch heute sind die moralischen Maßstäbe aktuell, die Schlesinger für die Justiz aufgestellt hat. Dutzende, möglicherweise sogar Hunderte seiner Gerichtsreportagen sind überliefert, aber so gut wie keine Informationen über sein Privatleben. Nur in dem Nachruf der Vossischen Zeitung, für die Schlesinger schrieb, und im Ahnenforschungsportal „My Heritage“ ist etwas mehr über den Menschen zu erfahren, der sich hinter dem Pseudonym „Sling“ verbarg. Paul Felix Schlesinger wurde am 11. Mai 1878 in Berlin geboren. Sein Vater Albert Schlesinger war Fondsmakler, über die Mutter Therese Schlesinger ist außer ihrem Geburts- und Sterbedatum nichts bekannt. Paul hatte noch zwei ältere Geschwister, Martha (die später einen Sanitätsrat heiratete und selbst promovierte) und Georg, über den man keine weiteren Details kennt. Die Familie hatte zwar jüdische Vorfahren, war aber selbst nicht religiös, sonst wären die Eltern wohl nicht eingeäschert worden.

Paul Felix Schlesinger, 11. Mai 1878 in Berlin; † 22. Mai 1928 (ebenda). Bild: Wikipedia Koloration

Paul wuchs also in einer gebildeten und sicher auch wohlhabenden Familie auf, und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich früh für Literatur und Musik begeisterte. Dass eine Kaufmannslehre im Textilgewerbe nicht das Richtige für ihn war, kann man sich denken – und doch verhalf ihm diese Ausbildung zum Einblick in seinen späteren Tätigkeitsbereich. Schlesinger berichtete selbst, dass der Hausdiener „Justav“ ihn ab und zu während der Mittagspause ins Kriminalgericht Moabit mitnahm, wo man bei spannenden Gerichtsverhandlungen zuhören konnte. So erfuhr er von den kleinen und großen Dramen, die sich im Gerichtssaal abspielten und bei Paul tiefe emotionale Eindrücke hinterließen, die ihn vielleicht auch dazu veranlassten, seine Lehre abzubrechen.

Kabarett, Bühne, Journalismus

Danach zog es ihn zunächst nach München. Im Kabaretttheater „Die Elf Scharfrichter“, das 1901 von bekannten Kunstmalern, Redakteuren der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ und Schauspielern gegründet worden war, durfte er als „Henkersknecht“ (Schauspieler und Autor) mitwirken. Persönlichkeiten wie der Regisseur Otto Falckenberg und der Dramatiker Frank Wedekind prägten ihn, mit dem Ensemblemitglied Leo Greiner und dem anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam verband ihn eine tiefe Freundschaft. Und doch blieb München nur eine Zwischenstation: Schlesinger trieb es hin zum Journalismus, obwohl er auch Romane und Theaterstücke verfasste. Die Redaktion einer Schweizer Zeitung bot dem Ungelernten eine Stelle an, es folgten mehrere Stationen, unter anderem Paris. Als Ullstein-Korrespondent kehrte er nach München zurück – „geschätzt, ohne hervorzuragen“, wie sein Nachfolger urteilte – wurde aber bald ins Berliner Stammhaus zurückbeordert: Der Verlag musste sparen.

Mit kleinen Feuilletons über Alltagsgeschichten, die in der renommierten „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht wurden, fing er an, auf Themensuche fand er den Weg zum Strafgericht. „Nun bin ich wieder in Moabit“, schrieb er später. „Ich kann jetzt alle Tage nach Moabit gehen. Nur Justav ist nicht mehr da. Er fehlt mir sehr.“ Doch als Gerichtsreporter ist Schlesinger genau der Richtige: Er schert sich – anders als seine Berufskollegen – keinen Deut um journalistische Konventionen, berichtet nicht nur über Tatsachen, sondern reflektiert sie und bringt seine eigene Meinung mit ein. „Es sind Stimmen laut geworden, die mir Mangel an Objektivität vorwerfen“, schreibt er. „Ja, nichtjuristische Freunde haben mir gelegentlich Komplimente gemacht: Es gehöre doch eine große Phantasie dazu, die nüchternen Vorgänge so auszuschmücken. Ich habe darauf zu erwidern, dass ich mich selbst für einen durchaus phantasielosen Menschen halte. Ich habe kein ernsteres Bestreben, als die Dinge so zu zeichnen, wie ich sie sehe.“

Ein Menschenkenner und Mahner für Gerechtigkeit

Dass Schlesinger im politischen Kabarett Erfahrungen gesammelt hatte, befähigte ihn dazu, nicht nur die Höhen und Tiefen der menschlichen Psyche zu durchleuchten, sondern auch die Umstände, die zu den Verbrechen geführt hatten – und dies auch noch in eine bildreiche, blumige und facettenreiche, manchmal auch humoristische Sprache zu kleiden. In der Welt der mordlüsternen Gattinnen und betrügerischen Kavaliere, kleptomanischen Gräfinnen und nudistischen Freigeister, monarchistischen Reichsoffiziere und erschöpften Richter – kurz und gut dem prallen Leben der Weimarer Republik in den 20er Jahren – porträtierte er die Menschen einfühlsam, kunstvoll und revolutionierte so die deutsche Gerichtsberichterstattung. „Wie sie nun dastand, mit den kleinen bösen Augen in dem massigen Gesicht, den kraftvollen Unterkiefer beim unausgesetzten Reden auf- und niederklappend, glich sie einem jener grotesken Fische, die im Aquarium an den Glaswänden ihre tropischen Schnauzen kühlen.“

Heutzutage würde er wohl dafür gecancelt, dabei fühlt man sich durch diese Beschreibung so, als erlebe man die Person selbst vor Gericht. „Ich suche im Gerichtssaal die seelischen Beweggründe der auftretenden Personen, der Angeklagten, der Zeugen. Ich kann es auch nicht unversucht lassen, in die Herzen des Staatsanwalts und des Richters zu blicken. Das aufgenommene Bild erzeugt in mir Trauer, Empörung, Furcht, Mitleid, Verachtung, Heiterkeit, Spottlust, Liebe und Hass. Dann versuche ich, mein Gefühl nachzuschaffen, es dem Leser kenntlich zu machen“, beschrieb Schlesinger seine subjektive Herangehensweise. Er beschränkte sich aber nicht nur auf diese Aspekte, sondern äußerte auch mutig und direkt Kritik an der Justiz: „Solange wir ,Täter‘ strafen, nicht Menschen behandeln – solange es ein ,Straf‘recht gibt, gibt es kein gerechtes Strafrecht“, urteilte er eisern. Die Ermahnung wirkte: Bei Schlesingers Tod schlossen sich sogar die Reichsregierung, das Staats- und Justizministerium sowie viele Juristen den offiziellen Beileidsbekundungen an.

Schlesinger hatte kurz zuvor noch mit seiner Frau und seiner Tochter Lisa Urlaub gemacht. „Seltsam erfrischt, blühend im Aussehen, fröhlich in der Stimmung“ hatten ihn die Redaktionskollegen zurückkehren sehen. Kurz darauf feierte er fröhlich ausgelassen, tanzend und singend, zusammen mit engen Freunden 1928 seinen 50. Geburtstag – bis er plötzlich zusammenbrach: Herzinfarkt. Zwei Tage später war er tot. Zu seiner Beisetzung auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof fanden sich zahlreiche Prominente aus Politik, Justiz, Presse und Kultur ein, aber auch unzählige treue Leser, die den einzigartigen Gerichtsreporter sehnlichst vermissten. KP

Dieser Beitrag erschien zuerst in der diesjährigen Dezember-Ausgabe des Lokal-Reports in der Rubrik „Prominente auf dem Südwestkirchhof.“

Titelbild: Redaktion