Im Ehrenamt von Teltow nach Nepal
Im April und Mai 2015 erschütterten zwei verheerende Erdbeben und zahlreiche Nachbeben die Himalaya-Region und insbesondere den Bergstaat Nepal. Offiziell fanden dort knapp 9.000 Menschen den Tod, über 22.000 wurden verletzt. Die Schäden an der Infrastruktur sind vielerorts bis heute nicht behoben. Hilfe kommt – über Umwege – auch aus Teltow.

Ramechhap, eine Stadt 140 Kilometer östlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, war am 12. Mai 2015 das Epizentrum eines Nachbebens der Stärke 6,3. Im Ortsteil Sukajor mit seinen rund 700 Haushalten und 2.000 Einwohnern lebt auch der Nepalese Puskal Karki. Die Rentnerin Veronika Ruppe aus Hoppegarten hatte den Reiseleiter bei einer Kulturreise 2012 kennengelernt. Aus der Urlaubsbekanntschaft ist ein freundschaftlicher Kontakt entstanden, sodass Ruppe eiligst helfen wollte. Aufgrund der immensen Schäden in Ramechhap gründete sie den Verein „Hilfe für Ramechhap e.V.“ und unterstützte die Bevölkerung mithilfe von Spenden. Nach der ersten Nothilfe galt ihr Augenmerk vor allem dem Wiederaufbau der Schule, der inzwischen abgeschlossen ist. Ein wichtiger Bestandteil davon ist die Wiederherstellung der Schulküche, in der die Jungen und Mädchen einmal am Tag eine Mahlzeit erhalten – insbesondere für mittellose Familien ein überzeugendes Argument, ihre Kinder in die Schule zu schicken.
Mithilfe von Stiftungsgeldern, vor allem aus den Töpfen der Schöck-Familien-Stiftung, konnten die Kantine gebaut, Küchenutensielien angeschafft, der Koch bezahlt und Schuluniformen gekauft werden. Auch der Englischunterricht, der in Nepal nicht zum Standard gehört, wird durch Spenden finanziert.
Doch die Zerstörung beschränkt sich nicht auf die Schule, ganz im Gegenteil ist sie allgegenwärtig. Ingesamt sind in ganz Nepal bis zu 800.000 Häuser eingestürzt. Ruppe erkennt, dass sie mit ihrem Verein nicht alles leisten kann, was sie gerne würde, denn ihre Kapazitäten sind begrenzt. So wandte sie sich 2019 an den gemeinnützigen Verein „Ingenieure ohne Grenzen“, der allerdings für dieses Projekt keine finanzielle Unterstützung zusagen konnte. Christfried Vetter, ein pensionierter Vermessungsingenieur aus Teltow, ist dort Präsidiumsmitglied und verwies sie an den Senior Experten-Service (SES) aus Bonn, wo er sich ebenfalls ehrenamtlich engagiert.

Vetter musste sich nicht lange bitten lassen, als sich die Möglichkeit zur Unterstützung ergab: „Ich bot an, beim Nepalprojekt behilflich zu sein, und im Gegenzug gründete Ruppes Bekannter in Nepal eine Partnerorganisation, um die Zusammenarbeit zu ermöglichen“, erklärt Vetter. Obwohl der Beginn der Corona-Pandemie das Projekt zunächst ausbremste, vergingen die Jahre nicht mit Untätigkeit: Schwerpunktthemen konnten benannt und Lösungsansätze entwickelt werden. Im Auftrag des SES und in enger Zusammenarbeit mit der Organisation „Hilfe für Ramechhap e.V.“ reiste Vetter schließlich im Mai dieses Jahres nach Nepal, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, was am dringlichsten zu tun sei.
„Oberste Priorität hat auf jeden Fall die Trinkwasserversorgung“, sagt Vetter, „denn die Erdbeben haben sie weitgehend zerstört.“ Der große Brunnen, aus dem das Dorf sein Lebenselexier bis dahin förderte, wurde durch das Beben verschüttet, die Quelle ist versiegt. Mit Mitteln der nepalesischen Regierung wurde zwar eine Pumpe für Grundwasser errichtet und Material für die Hausanschlüsse bereitgestellt. „Doch das Pumphäuschen aus Wellblech hält der Feuchtigkeit durch den Monsunregen nicht stand, und es kommt ständig zu Ausfällen“, erklärt Vetter das Problem. Der Bau einer massiven Pumpstation mit örtlich vorhandenen Baumaterialien gehört daher zu seinen dringlichsten Aufgaben.
Wasserversorgung durch Erdbeben zerstört

Vetter berichtet, dass kleinere Quellen vorhanden seien, an denen sich die Einwohner jetzt mehr schlecht denn recht versorgen. „Mit Gartenschläuchen oder Wasserkanistern unterstützt man sich gegenseitig. Eine Trinkwasserleitung zu den kleinen Bauernhöfen gibt es aber nicht“, konstatiert der gebürtige Thüringer. Die von der nepalesischen Regierung gebrachten Wasserrohre liegen allerdings bereit und warten auf ihre Verlegung. „Hier will ich bei meinem nächsten Besuch im Herbst Hilfe zur Selbsthilfe leisten, sodass die Einheimischen die Leitungen selbst verlegen können“, erläutert der 72-Jährige seinen Plan.
Von Vorteil ist, dass es keinen Nachtfrost gibt. Daher müssen die Leitungen nicht sehr tief vergraben werden. Aber die Haushalte liegen weit auseinander, es müssen weite Wege überbrückt werden. Dafür braucht es ein Konzept, wie das Wasser verteilt wird. Doch Vetter ist Landvermesser, kein Trinkwasseringenieur. Die Vernetzung mit anderen Akteuren und Hilfsorganisationen ist daher essentiell, und für Vetter kein Problem, der über den SES, die „Ingenieure ohne Grenzen“ und aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit bei der Internationalen Gesellschaft für Entwicklung und Zusammenarbeit viele Kontakte in aller Welt pflegt.
Mit Orangen die Armut bekämpfen
Vetter hofft, dass eine intakte Wasserversorgung zur Lösung eines weiteren Problems beiträgt: „Weil das Quellwasser nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht, müssen sich die Bauern bei der Bewirtschaftung ihrer Felder sehr einschränken. Meist werden die Gärten und Äcker nur noch zur Selbstversorgung bewirtschaftet.“ So hat eine früher vorhandene fünf Hektar große Orangenplantage die Trockenheit nicht überstanden und soll nun wieder aufgebaut werden. Hierfür will er die Frauen im Ort als Unternehmerinnen einbinden, die die Plantage mit rund 2000 Bäumen bewirtschaften und ihren Ertrag selbstständig vermarkten. Eine spezielle Orangenart ist den Bedingungen in Nepal angepasst – vorausgesetzt, die Bewässerung ist möglich.

Probleme hatte der Himalayastaat auch schon vor der Naturkatastrophe und dem Versiegen der Quelle. Im ländlichen Nepal mangelt es beispielsweise an verlässlicher Beschäftigung. Jugendliche wandern zum Arbeiten ins Ausland oder in die Städte ab. Unter diesen Umständen ist es wichtig, Wissen zu vermitteln, das für weitere Unternehmungen zur Verfügung steht, auch deshalb ist die Orangenplantage wichtig. „Wir wollen mit dem Pilotprojekt nicht nur zehn bis zwölf Frauen die Möglichkeit geben, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Wir wollen außerdem dazu beitragen, eine langfristige wirtschaftliche Entwicklung aufzubauen“, sagt Vetter.
Dazu gehört auch die dritte „Baustelle“, die Vetter während seines ersten Aufenthalts ausgemacht hat. In rund 350 der 700 Haushalte in Sukajor gibt es noch offene Kochstellen. Hier wird in geschlossenen Räumen über offenem Feuer ohne Rauchabzug gekocht. Die gesundheitliche Belastung durch das Rauchgas ist enorm, und die Verbrennungsgefahr ist vor allem für Kinder sehr hoch.
Ein Ofen zum Preis einer Pizza
Andererseits lässt sich eine Kochstelle mit Rauchabzug relativ einfach herstellen. Vetters Idee ist, einheimische Ofenbauer auszubilden, die Kochstellen mit einem Rauchabzug bauen. „Die meisten Materialien für einen Ofen sind vor Ort verfügbar oder können leicht beschafft werden. Zum Beispiel sind Lehmerde, Kuhdung, Reisschalen, Spreu und Sand zur Herstellung von Lehmziegeln vorhanden“, erzählt Vetter, und führt aus, dass er bereits Kontakt zum Verein „Die Ofenmacher e.V.“ aus München geknüpft hat. Der Verein sammelt Spenden für die Finanzierung der rauchfreien Küchenöfen, betreut die Ofenbauer und organisiert ihre Ausbildung.
Die Kosten für einen Ofen liegen derzeit bei etwa zwölf Euro, wenn man den Lohn des Ofenbauers mitrechnet. „Für uns ist das ein kleiner Betrag, aber für die Bauern dort ist das eine unüberwindliche Hürde“, legt Vetter dar.
Das Ehrenamt verlangt Vetter viel ab: Rund zwei Stunden ist er jeden Tag damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen, E-Mails zu schreiben und seinen nächsten Aufenthalt vorzubereiten. Ein Belastung, sagt er, sei es aber keineswegs: „Mir macht es Spaß, mit anderen zu arbeiten und zu helfen. Vor allem, wenn man sieht, dass die Partner vor Ort ein starkes Interesse daran haben, etwas für ihre Gemeinde zu bewegen. Das motiviert mich dann sehr und ich habe eine gewisse Verpflichtung, dass wirklich etwas angepackt wird.“
Bei seinem zweiten Besuch im November will er sich mit den Helfern des Ofenmacher-Vereins zu einem Ausbildungslehrgang in Sukajor treffen. Mitte November soll es losgehen, und Vetter freut sich schon, bei seinen Gastgebern abends auf der Terrasse zu sitzen und die Himalayagipfel zu sehen. Rosa Ortega
Weiterführende Infos : https://www.hilfe-fuer-ramechhap.de
- Spendenkonto:
- Sparkasse Märkisch Oderland
- BIC: WELADED1MOL
- Konto: Hilfe für Ramechhap e.V.
- IBAN: DE61 1705 4040 0020 0529 01
Verwendungszweck: Sukajor - Info:
Senior Experten Service (SES)
Der regierungsnahe SES mit Sitz in Bonn ist eine Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit. Träger sind der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).
Finanzielle Unterstützung erhält der SES insbesondere vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).
Weiter führende Infos: https://www.ses-bonn.de
Bilder: Christfried Vetter